Dietmar und Geli Unterwegs
Reisetagebuch unserer Offroad-Reise mit dem Pickup Truck durch den Westen Russlands bis zum Ural

12. August 2018 Wolga, deine Quelle

Als wir unseren Rastplatz verlassen, ist der Himmel noch wolkenlos. Doch es weht ein heftiger Wind und so ziehen rasch dicke Regenwolken auf, die immer wieder Schauer bringen und die Temperatur von 28 Grad bis auf 19 Grad sinken lassen. Unterwegs stehen immer wieder Leute mit kleinen und großen Pilzgefässen. Irgendwann halten wir an und kaufen Pfifferling und Rotkappen. Mit dem selber Suchen wird es eh nichts.

Auf unserem weiteren Weg Richtung Grenze kommen wir durch die Stadt Rschew (Ржев). Sie liegt etwa 200 km westlich von Moskau am Oberlauf der Wolga. In der Stadt leben heute wieder rund 62.000 Einwohner. Erstmals erwähnt wurde sie 1261.

1449 kam Rschew unter Moskauer Herrschaft. Mitte des 19. Jahrhunderts, nach dem Bau der Eisenbahnlinie von Moskau nach Riga, die durch Rschew verläuft, entwickelte sich die Stadt als bedeutender Handelsplatz für Leinerzeugnisse.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt am 14. Oktober 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt und war in Folge über 16 Monate umkämpft, was über eine Million Opfer auf beiden Seiten forderte.

Am 3. März 1943 wurde Rschew von Truppen der Westfront der Roten Armee nach der Räumung des Frontbogens von Rschew durch die Wehrmacht zurückerobert. Von Militärhistorikern wurde Rschew wegen seiner strategischen Bedeutung „Eckpunkt der Ostfront“ genannt.

Die Stadt wurde bei den Kämpfen vollständig zerstört. Mehr als ein Sechstel der Stadtbevölkerung wurde während der deutschen Besetzung in Arbeitslager nach Deutschland deportiert; etwa 9000 Personen wurden in einem Konzentrationslager umgebracht, das im Stadtzentrum errichtet wurde. Nach der Befreiung lebten noch 360 Einwohner.

Es ist für uns noch immer ein bedrückendes Gefühl, die Geschichte dieser Orte zu lesen. Für die Menschen hier ist es Vergangenheit, die den Alltag nicht mehr belastet und nur zu Festtagen in Erinnerung gerufen wird.

In Rschew finden seit 1997 alljährlich im Rahmen der Aktion „Versöhnung über den Gräbern“ deutsch-russische Jugendlager statt. 2002 wurde der Park des Friedens eingerichtet, zu dem die Kriegsgräberstätte für gefallene sowjetische Soldaten des Zweiten Weltkriegs und die Deutsche Kriegsgräberstätte Rschew gehören.

Hier in Rschew biegen wir nach Nordwesten Richtung Wolgaquelle auf etwas huppelige Nebenstraßen an. 18 km vor unserem Ziel beginnt eine Sandwellblechpiste auf der wir die junge Wolga queren.

Es ist für uns ein ganz besonderes Gefühl, an die Quelle dieses Flusses zu kommen, haben wir seinen Weg doch schon mehrmals bei unseren Reisen an verschiedensten Stellen gekreuzt und 1985 darauf eine Flußschiffsfahrt unternommen.

Und jetzt stehen wir an der Wolgaquelle. Hier beginnen die ersten Meter eines Mythos von „Mütterchen Wolga“, dem größten Strom Europas.

Auf der Landkarte die Quelle zu suchen ist schwierig.

Dem Kartenverlauf zu folgen, ist ein wirklich mühseliges Unterfangen. Jedes Mal, wenn man dem blauen Band, das sich über die Karte kringelt, folgt, verliert sich diese Wolga im nächsten See. Wo sie herauskommt, sieht man gleich. Nur wo fließt die Wolga hinein? Eine akribische Detektivarbeit beginnt.

Auf dem Strom bis zu seiner Mündung ist mächtig was los. Nicht so an der Quelle. Sie will sich erfahren lassen, diese Wolga. Denn: die Wolga kommt irgendwie aus dem Nichts. Plötzlich ist sie da und ein Mythos erblickt das Licht der Welt. In Wolgowerchowje, unweit des Seligersees, beginnt im Twerskaja Oblast ganz schüchtern eine Legende.

Außer Pilgern, wie wir und auf ihr Heiligtum stolze Russen mit ihren Kindern verirrt sich kaum jemand an deren Quelle.

Es gibt keine touristische Infrastruktur in Wolgowerchowje, und wer nicht die Nacht im Freien oder wie wir im UFO verbringen will, wird nach kurzer Zeit wieder weitergefahren.

Anders alljährlich, am 29. Mai, dem Namenstags des heiligen Nikolaus. Dann werden sie wieder zu Hunderten nach Wolgowerchowje pilgern, um der Prozession zum Klosters zu folgen.

Jedoch: Der Kraft des Nikolaus, des Schutzpatrons der Quelle, sollte man auch heute ein wenig innerlich lauschen und die Wucht der backsteinernen Erlöser-Verklärungs-Kathedrale auf sich wirken lassen. Erst dann kann man diese Stimmung begreifen, die von jenem Ort ausgeht – einem Tümpel, gerade so breit, dass man darüber springen kann.

Natürlich sucht jeder Neuankömmling zuallererst den Quelltopf, das Aufregende mit viel Wasser, das dem Boden entspringt. Darüber ist eine aus Holz errichtete Kapelle, über einen Holzsteg zu erreichen. Ein Torbogen am Anfang der Anlage verkündet stolz die Wolgaquelle.

Hier ist es also, das Allerheiligste – der Ursprung der Wolga. Eigentlich nur ein düsteres kreisrundes Loch im Bretterboden, dessen Inhalt sich träge nach draußen schiebt, um sich verschämt unter einer dicken Schicht Entengrütze zu verstecken. „Mächtig“ sieht irgendwie anders aus…

Anlässlich eines Besuchs des Patriarchen Alexij II. ist die Anlage seit 1995 wieder hergerichtet. Vorher war sie von deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.

Nach wenigen Metern ist die Wolga fürs erste auch schon wieder verschwunden. Als wäre ihr der ganze Trubel um sie zuviel, kommt die Wolga erst wieder im dichten Wald zu Tage. Hier erobert sie sich allmählich ihr Revier. Urwald, Naturschutzgebiet – hier hat sie noch ihre Ruhe.

228 Meter über dem Meeresspiegel entspringt also dieser größte Strom Europas, der dann nach knapp 3.700 Kilometern später ins Kaspische Meer mündet Das Delta der Wolga ist dort 180 km breit, wo wir 2016 waren.

Die Wolga erblickt fast verschämt das Licht der Welt, um gemächlich auf ihrer weiten Reise ihre volle Pracht zu entfalten.

Sehen kann man es hier in Wolgowerchowje noch nicht, dass es einmal jene mächtige Wolga werden will – acht Kilometer weiter wird man bereits eines Besseren belehrt, wenn sie sich in einem ersten See mausert.

Im Jahre 1649 wurde auf dem Hügel vor der Quelle ein Männerkloster gegründet. Geweiht der Fürstin Olga, deren Enkel Wladimir 988 nach Christus die Kiewer Rus taufen ließ. Nun stehen an diesem Ort gerade noch die hölzerne Nikolaus-Kirche und die erwähnte Backsteinkathedrale. Und der Nikolaus hat inzwischen auch seine Statue bekommen.

Alle Besucher, außer uns, haben den Heimweg angetreten, da entläd sich wieder eine dicke Wolke. Uns stört es nicht, wir bleiben hier in der Einsamkeit und Ruhe. Da habe ich Zeit, unsere Pilze zu putzen und zu braten. Ein leckeres Abendmahl.

Draußen hören wir eigenartige Tierlaute – Hirsche, Rehe? Oder???

Zum Glück gibt es in dem verlassenen Nest Straßenbeleuchtung und wir haben den Überblick über unsere Umgebung. Alles isy!!!

3 Kommentare

    1. Liebe Victoria und Alexander, vielen Dank für die Grüße, wir haben uns sehr darüber gefreut.
      Haben wir uns an der Wolga-Quelle gesehen?
      Es war für uns eine sehr schöne Reise durch das große Land .
      Wir wünschen euch eine schöne Zeit zum Jahreswechsel und zum Jolkafest .
      Viele Grüße
      Angelika und Dietmar

      1. Ja, da sind wir es: zwei Moskauer, die Sie an der Wolga-Quelle getroffen haben!))) Danke sehr fuer Ihre Gruesse! Wir sind begeistert von Ihren Optimismus und Reiselust! Es ist ein Wunder-Beispiel fuer uns, so viel reisen und so schoen es beschreiben und illustrieren, wie Sie es tun! Und Ihr Homepage – es ist wunderschoen!!! Ich schaeme mich sehr, dass bis jetzt keine Photos geschickt habe. Bitte um Entschuldigung! Mache es gleich.
        Viele Gruesse von Victoria & Alexander

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