Dietmar und Geli Unterwegs
Reisetagebuch unserer Wohnmobil-Reise an den Küsten Spaniens und Portugals

01. Mai 2019 Nazaré, der „Wellenreiterort“

Als wir von Peniche abfahren, hören wir noch die letzten Maidemonstranten. Dann geht es über die Autobahn zum nächsten Wellenparadies, nach Nazaré. Der Himmel klärt sich rasch auf und wir fahren bei strahlendem Sonnenschein durch ein Kohlanbaugebiet. In Portugal wird reichlich Kohl in sehr vielen Varianten angebaut und gegessen.

Über eine steile Anfahrt durch einen Kiefernwald kommen wir nach Nazaré. Die weiße Stadt liegt in einer großen Sandbucht umgeben von hohen, senkrecht abfallenden Klippen. In der Stadt finden wir keinen Stellplatz, er ist voll belegt, aber etwas außerhalb gibt es einen großzügig angelegten und gepflegten Wald-Campingplatz.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, machen wir uns auf den Weg zu den Klippen und dem Leuchtturm. Nazaré ist als Fischer- und Tourismusstadt sowie Wallfahrtsort bekannt. Sie hat 15.000 Einwohnern. Oben, auf den Klippen liegt der alte Stadtteil Pederneira mit engen Gassen. Wir haben von hier einen traumhaften Blick auf die weiße Neustadt, den Hafen und den 2 km langen, windgeschützten Stadtstrand. Das alles ist im Halbrund wie ein Amphitheater angeordnet mit Blick auf das „Theater Meer“. Hier gab es vor Mitte des 18. Jahrhunderts weder Stadt noch Sandstrand.

In jüngerer Zeit hat die „große Welle“ nördlich von Nazaré die Aufmerksamkeit der internationalen Surfelite auf sich gezogen. Nazaré verfügt über einen Fischereihafen, der in den 1980er Jahren vollständig erneuert und erweitert wurde. Die Bevölkerung lebt überwiegend vom Fischfang, der Fischverarbeitung und dem Fremdenverkehr. Wie kann es sein, dass die Sandbucht und die Neustadt erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts entstand?

Entstehung von Nazaré-Strand

Die Stadt Nazaré besteht aus drei Stadtteilen, den beiden Ortsteilen Sítio und Pederneira sowie dem sich am Strand entlangziehenden modernen Ortsteil, wo mittlerweile der größte Teil der Bevölkerung lebt. Diese Zone war bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht besiedelt, zumal aufgrund der geologischen Formation das Meer gegen die dort von Pederneira aus steil zur Küste abfallenden Felswände schlug.

Dann versandete die Bucht von Nazaré in gesamter Breite, so dass in geologisch außerordentlich kurzer Zeit vor der einstigen durch Gebirgszüge gebildeten Küstenlinie ein Sandstrand entstand, der sich von der weiterhin steil nach Sítio ansteigenden Felswand weg in südliche Richtung erstreckt, an dem sich heute das moderne Nazeré zum neuen Hafen hinzieht. Südlich des Hafens erreicht das angelandete Gebiet eine Breite und Tiefe von 1,8 km.

Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts besaßen die Bewohner von Pederneira und Sítio am Strand nur ihre Fischerhütten und brachten sich und ihre sonstige Habe auf den Anhöhen in Sicherheit. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die Fischer unten am sich neu bildenden Strand zu siedeln. Ende des 18. Jahrhunderts wurden dort bereits 58 Häuser gezählt.

Allerdings fordert diese zum Meer hin enge Lage von dem Beginn der Besiedlung dieses Sandstreifens an und auch heute noch während der Herbst- und Winterstürme ihren Tribut, wenn an der Uferstraße die Bewohner ihre Läden, Restaurants und sonstige Einrichtungen je nach Wetterlage gegen die heranstürmende Flut mit Brettern verbarrikadieren müssen.

Zum Süden hin öffnet sich die enge Zone, in der das moderne Nazaré liegt, und hinter dem weitläufigen Hafengelände befindet sich eine Ebene, die ebenfalls noch vor dem ansonsten die Küstenlinie bildenden Höhenzug liegt und die durch die in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten eingetretenen Versandung entstanden ist.

Dort, wo der ansonsten die Küstenlinie verriegelnde Höhenzug in einer Breite von etwa zweihundert Metern unterbrochen wird, tritt der Fluss Alcao durch eine Pforte aus. Noch bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts reichte die Meeresbucht von Nazaré bis zu dieser Öffnung des Höhenzuges, die sich dann landeinwärts zu einer etwa 4 km tief ins Land reichenden und sich etwa 10 km nach Norden erstreckenden Lagune weitete, teilweise dort wo heute das Bett des Flusses Alcoa verläuft. In diesem Bereich des Übergangs der Bucht zur Lagune befand sich noch bis zum 17. Jahrhundert der Hafen von Pederneira, der selbst von den größten hochseetauglichen Schiffen der damaligen Zeit genutzt werden konnte.

Die Lagune ist versandet, aber noch heute durchzieht die gesamte Fläche ein Netz von Gräben. Was gibt es nun für Gründe für die starke Verlandung in der Neuzeit:

Das Verschwinden des Hafens und die gleichzeitig starke Verlandung auf der Seeseite des ansonsten die Küstenlinie bildenden Höhenzugs während der letzten 300 Jahren lässt auf eine schlüssige Erklärung noch warten. Ein Erklärungsversuch bringt dies mit der im Jahre 1772 stattgefundenen großen Flut, vermutlich durch einen Tsunami ausgelöst, in Zusammenhang, die selbst ein etwa zehn Kilometer im Hinterland liegendes Kloster so im Schlamm der zurückflutenden Wassermassen versinken ließ, dass es Jahre für die Freiräumung benötigte.

Die aus dem Hinterland zurückströmenden Wassermassen konnten aber in einer Breite von jeweils zehn Kilometer sowohl nach Süden wie nach Norden hin nur durch die etwa 200 Meter weite Pforte der alten Lagune abfließen, ansonsten war der Zugang durch den geschlossenen Höhenzug verriegelt. Die sich hierbei in die Bucht ergießenden Schlammmassen könnten zur Beschleunigung der seither bekannten Verlandung erheblich beigetragen haben.

Dieser Tsunami könnte auch für die Halbinselbildung von Peniche,wo wir zuvor waren,verantwortlich sein. Wir gehen weiter zu den Klippen im Norden. Diese trennen die Stadtbucht vom Nordstrand ab.

Wieso entstehen nun hier diese riesigen Brandungswellen, die sich nach Stürmen vor Nazaré auftürmen und die Extremsportler zum Wellenreiten nutzen? Vor Nasaré befindet sich das Ende eines Tiefseegrabens, der bis zu 1000 m tief ist und der vor Peniche beginnt. Sturm und Strudel in der Tiefe lassen dann diese „Gigawellen“entstehen. Wir erleben nur einen Hauch von diesem Wind und es haut uns fast um. Uns reicht, was wir auf Videos im Leuchtturm sehen und bei einem Blick in die gurgelnde, schäumende Flut, die unaufhaltsam die Felsen attackiert.

Es reicht, wir ziehen uns auf den windgeschützten Campingplatz zurück und beraten wie wir ohne Autobahnnutzung durch die Berge ins Dourotal kommen.

Der Nordstrand

Modell Tiefseegraben

Archivbild

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