Dietmar und Geli Unterwegs

2022 Balkanreise und Italien
7.Juli 2022 Ins Landesinnere nach Matera – die aus dem Fels gehauene Stadt

Als wir von Camp „Mondial“ losfahren, ist es heiß (37 Grad) und wolkenlos. Der Wetterbericht verspricht uns aber Regen. Die Landschaft wird hügelig und immer trockener. 

Wir blicken auf Montescaglioso

Uns leuchtet vom Berg eine Stadt an, Montescaglioso, 366 m hoch. Wie immer mit engste Gassen, die stets bergan führen bis es nicht mehr weiter geht. Ein Parkplatz ist nicht zu finden, leider. Also im Einbahnstraßengewirr wieder bergab. Auf einer allerengsten Rundstrasse um Stadt und Berg fahren, hoffen wir noch auf einen Blick zurück zum Meer. Leider, auch das wird nichts. Dafür landen wir wieder auf dem Platz, wo Weiterfahren unmöglich wurde und kein Parkplatz zu finden war. Also noch eine halbe Runde um die Stadt und dann Richtung Matera. Trotzdem haben wir einen Eindruck von dieser alten Stadt erhalten.

Es ist ein großes Gebiet des Getreideanbaus, inzwischen ist alles abgeerntete, bis zum Horizont gelbe Stoppelfelder.

Wir nähern uns Matera und geraten in eine für uns sehr verwirrende, moderne Stadt. Sie ist durchzogen von einer langen Schlucht. Überall steht Sassi übersetzt Steine. Was bedeutet das?

Matera zählt heute ca. 60.000 Einwohner.

Im Vordergrund die Sassi und im Hintergrund Teile der Neustadt

Matera – Die Geschichte der Sassi – Die Entstehung der Höhlenwohnungen

Das Gebiet der Murgia, in dem sich Matera befindet, war bereits in der Jungsteinzeit besiedelt und Matera gilt als einer der ältesten besiedelten Orte der Welt. Die Lebensbedingungen waren gut: Es gab einen Fluss, fruchtbares Land und leicht zu bearbeitendes Baumaterial.

Das zuerst besiedelte Gebiet befindet sich gegenüber der Sassi von Matera in der Murgia Materana, jenseits der Schlucht. Anfangs waren es dort die natürlichen Höhlen, die die Menschen als Unterkunft nutzten.

Später bewohnten die Menschen das Gebiet der heutigen Sassi auf der anderen Seite der Schlucht.

Die Grotten wurden in den relativ weichen Sand- und Tuffstein gehauen. Da sich der Stein gut bearbeiten ließ, wurden die Unterkünfte bald ausgebaut und man grub ganze Wohnungen in den Berg, die ständig durch Anbauten erweitert wurden. Die Menschen schnitten Quader aus dem Berg heraus, um diese wiederum als Baumaterial für den Vorbau zu nutzen. Je tiefer die Höhlen gegraben wurden, desto mehr Baumaterial wurde gewonnen und als Fassade vor der Grotte aufgebaut.

Neben- und übereinander entstand so im Laufe der Jahrtausende eine Höhlenstadt in den Felsen, ein verschachteltes Netzwerk aus Höhlenwohnungen, engen Gassen und kleinen Plätzen, dazwischen Felsenkirchen, das zusammen ein großes architektonisches Kunstwerk ergibt.
Heute sind die Höhlenwohnungen, die „Sassi von Matera“ als Teil des Unesco Welterbes der Menschheit weltweit bekannt und stehen unter Denkmalschutz.

Es gab in der Geschichte der Stadt mehrere einschneidende Ereignisse, die das Leben in den Sassi radikal änderte.

Eines war der Einzug von Napoleon im Jahr 1806. Napoleon erließ ein Dekret, das die Bauern, die das Land bearbeiteten, nicht mehr auf diesem mit ihren Familien wohnen durften und mussten sich daher in Matera eine Unterkunft suchen. Der massive Zuzug nach Matera führte zu einer Verknappung des Wohnraumes. So wurden Grotten, die bis dahin als Lager oder Weinkeller dienten, als Unterkünfte für die Familien der Bauern und Landarbeiter ausgebaut. Die hygienischen und Lebensbedingungen in diesen Grotten waren wesentlich schlechter als in den bis dahin bewohnten Grotten. 

Das einschneidendste Ereignis für die Sassi wurde jedoch durch ein literarisches Werk ausgelöst. Im Buch „Christus kam nur bis Eboli“ beschrieb Carlo Levi die hygienischen Zustände in Matera als katastrophal. Das führte zu einem Aufschrei im ganzen Land und man schämte sich in ganz Italien für die Zustände, unter denen Menschen noch lebten.
Das hygienische Problem war erst dadurch entstanden, dass die hohe Bevölkerungsdichte und Wohnungsnot dazu geführt hatten, dass das Abwassersystem, das in den Fluss führte, zugemauert worden war.
Dadurch wurde das Wassersystem durch Ungeziefer verschmutzt. Das führte in Matera zu Malaria.

Leben auf engstem Raum

Die Regierung in Rom setzte daraufhin eine drastische Maßnahme durch, sie ließ die Sassi in Matera komplett räumen, so dass das gesamte Gebiet als Wohnungen ausgedient hatte. 30.000 Menschen wurden in den 50-iger Jahren in moderne Wohnungen zwangsumgesiedelt. Bis 1968 war die Umsiedlung abgeschlossen und die Grotten verfielen.

Die Wiedergeburt der Sassi

Erst 1986 wurden die Sassi wiederentdeckt und unter Denkmalschutz gestellt.

In den 1990-er Jahren begann die Restaurierung und es entstanden Restaurants, Museen, Künstlerwerkstätten und Hotels in den Sassi, so dass es heute möglich ist, das Lebensgefühl von einst unter modernen Umständen nachzuempfinden.

Matera zählt heute ca. 60.000 Einwohner, wovon derzeit (Stand 2017) ca. 2000 in den Sassi wohnen. Einige der Sassi stehen noch leer und warten auf Investoren. 80 % der Sassi sind Eigentum der Stadt Matera und können langfristig gepachtet werden.

Wir schlendern durch die Gassen und es beginnt ein Gewitter, vor dem wir uns unter einen Durchgang retten.

Als der Regen aufgehört hat, steigen wir hoch bis zur Kathedrale. Von der Terrasse haben wir einen Traumblick auf die Sassi.

James Bond in Matera

Hier wurden Teile des letzte James Bond Filmes „Keine Zeit zu sterben“ gedreht.

Die Kathedrale ist aus hellem Sandstein und wurde im 13. Jh. erbaut.  

Auf einen Poster haben wir eine Panoramaansicht der Stadt gesehen, die uns sehr gefiel.

Deshalb wollten wir an die Stelle außerhalb der Stadt fahren, von der man diesen Blick hat. Zu der einen Stelle war die Zufahrt gesperrt und von der anderen Stelle hatten wir kein entsprechendes Teleobjekt.

Erste bewohnte Höhlen

Aber wir finden ehemals bewohnte Höhlen hier, die gut zu erreichen sind. Die Fotos auf den Karten, der Innenraum der Höhle und das Rauchabzugsloch in der Decke der Höhle lassen mich erahnen, welches karge, ärmliche Dasein die Menschen hier hatten. Das nächste Gewitter zog auf.

Der Stellplatz in Matera

Wir beschlossendeshalb, wieder zurück in die Stadt zu fahren und fanden einen komplett überdachten Stellplatz.

Von hier waren es nur 900 m bis in die hell erleuchtete Altstadt.

Der Blick von der Domterrasse auf die Sassi war jetzt mit den vielen Lichtern noch um ein vieles romantischer als am Tage. Ein Gitarrenspieler verstärkte dieses Gefühl noch.

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